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Brief an Ulrike Herrmann

Offene Briefe · Juli 2026

zu Ihrem Buch: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“     Sehr geehrte Frau Ulrike Herrmann, ich habe Ihr Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ nun endlich mit großer Aufmerksamkeit und erheblichem Gewinn gelesen. Besonders überzeugt hat mich Ihre wirtschaftshistorische Darstellung. Ihren Ausführungen über die Entwicklung des Kapitalismus, über die Erfahrungen der Nachkriegszeit und zahlreiche wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen kann ich weitgehend zustimmen. Obwohl ich mich mit diesen Fragen selbst seit Langem befasse, habe ich aus Ihrem Buch manches gelernt – nicht zuletzt, weil es Ihnen gelingt, komplizierte Zusammenhänge klar, anschaulich und pointiert zusammenzufassen. Gerade dieser wirtschaftshistorische Realismus macht jedoch ein theoretisches Problem besonders sichtbar. Ihre historischen Urteile sind häufig überzeugender als Ihre Auseinandersetzungen mit den vorhandenen Theorien. Sie möchten zeigen, was an der herrschenden Wirtschaftslehre nicht stimmt. Dabei setzen Ihre Einwände meines Erachtens jedoch nicht immer am entscheidenden Punkt an. Damit bleibt auch unklar, worin eine tragfähige theoretische und normative Alternative bestehen könnte. Sie greifen bei Ihren Erklärungen besonders auf Marx und Keynes zurück. Vor allem aber kritisieren Sie, und das völlig, die Neoklassik, die wiederholt als Markt- oder Tauschtheorie qualifizieren. Damit zielt Ihre Kritik jedoch, wie diejenige vieler heterodoxer Ökonomen, in die falsche Richtung. Sie gestehen der Neoklassik mehr zu, als sie theoretisch tatsächlich leistet. Die Neoklassik ist im Kern keine Theorie des Tausches und auch keine Theorie der Entstehung von Märkten. Sie ist eine Logik der Wahl und der optimalen Allokation gegebener knapper Mittel auf alternative Verwendungen. Diese Logik mag für das einzelne wirtschaftende Subjekt sinnvoll sein, sofern es bereits in einer geldwirtschaftlichen Umgebung operiert. Das Problem beginnt, wenn die „logic of choice“ auf die Gesellschaft als Ganze übertragen wird, als ob wie Robinson verhielte. Eine Wirtschaftsgesellschaft ist nicht lediglich eine vergrößerte Nutzen- oder Produktionsfunktion. Sie besteht aus einer Vielzahl autonomer Akteure, deren zunächst getrennte wirtschaftliche Räume miteinander verbunden werden müssen. Aber eben diese Verbindung, die spezifischer gesellschaftlicher Formen und Institutionen bedarf, macht die kapitalistische Wirtschaft aus. Sie kritisieren die Neoklassik, weil sie keine Theorie der Preisbildung besitze – zu Recht. Wäre sie tatsächlich eine Theorie des Tausches – marxistisch gesprochen: der Ware-Geld-Beziehungen –, könnte sie zeigen, wie Preise in den Beziehungen zwischen den Tauschenden entstehen. Als Gleichgewichtstheorie hingegen setzt sie Preise voraus, an denen sich Akteure dann orientieren sollen. Auch das allgemeine Gleichgewichtsmodell besteht keineswegs nur aus einem einzigen Konsumenten oder Produzenten. Es kann beliebig viele Haushalte, Unternehmen und Güter berücksichtigen. Seine eigentliche „Robinsonade“ liegt an einer anderen Stelle: Die Verbindung der Akteure wird durch ein umfassendes Kalkül virtuell hergestellt. Der mathematisch bestimmte Gleichgewichtspreisvektor bezeichnet eine Lösung des Modells; er erklärt aber nicht, durch welche sozialen Operationen die Wirtschaft als gesellschaftliches Gebilde hervorgebracht wird. Genau an diesem Punkt müsste meines Erachtens eine andere Mikrofundierung der Makroökonomie ansetzen. Dass eine Volkswirtschaft nicht aus der bloßen Addition individueller Nutzen- und Produktionsfunktionen erklärt werden kann, bedeutet , dass jede Mikrofundierung scheitern muss, , dass daher der rein Ansatz von Keynes wäre. Man müsste nur von einer anderen elementaren Einheit ausgehen: nicht vom isolierten Individuum, sondern vom Tausch als intersubjektiver Operation. Solange jedoch auch die heterodoxe Kritik den Tausch der Neoklassik zurechnet, bleibt dieser alternative Ausgangspunkt verstellt. Im Tausch beziehen sich Ego und Alter über Objekte aufeinander. Geld verallgemeinert und stabilisiert diese Beziehung. Es ermöglicht, dass autonome, einander fremde Akteure ihre wirtschaftlichen Handlungen aufeinander beziehen können, ohne ihre Autonomie aufzugeben. Die Makrostruktur der Wirtschaft wäre dann weder aus einem repräsentativen Individuum noch allein aus statistischen Aggregaten abzuleiten, sondern aus der rekursiven Vernetzung von Tausch-, Bewertungs- und Zahlungsvorgängen. Ähnliche Spannungen sehe ich in Ihrer Darstellung von Marx. Sie verwerfen – meines Erachtens ebenfalls zu Recht – die Arbeitswertlehre. Sie würdigen auch zu Recht seine Formel G–W–G′ und damit seine Entdeckung, dass Kapital kein ruhender Bestand, sondern eine sich selbst steigernde monetäre Bewegung ist. Aber setzt diese Formel nicht unmittelbar bei den Formen des geldvermittelten Tausches an? Die Grundlagen dafür entwickelt Marx in der Wertformanalyse des ersten Kapitels des „Kapital“, aus der die Formel G–W–G′ direkt folgt. Gerade die Wertformanalyse, die Sie offenbar für entbehrlich halten, enthält meines Erachtens eine seiner größten theoretischen Leistungen: Marx zeigt dort, wie heterogene Produkte und private Arbeiten durch Austausch und Geld eine gesellschaftlich vergleichbare Form erhalten. Allerdings verbindet er diese relationale Wertformanalyse mit der substanztheoretischen Annahme, der Wert sei bereits in der abstrakten Arbeit enthalten. Damit treten bei ihm zwei unterschiedliche Wertkonzepte nebeneinander. Indem Marx die Arbeitswertlehre von Smith und Ricardo übernimmt, gerät seine Analyse der Wertform und der Bewegung G–W–G′ in eine Spannung, die so wenig aufzulösen ist, wie die Gleichgewichtstheorie der Neoklassik mit dem (katallaktischen) Marktgeschehen vereinbar ist. Dieses Problem bedarf einer tieferen Erörterung. Ihre Überschrift über das Marx-Kapitel trifft das Problem ausgezeichnet: „Ein Kommunist analysiert den Kapitalismus“. Sie verweist darauf, dass Marx den Kapitalismus nicht nur analysiert, sondern ihn zugleich vom Standpunkt einer erhofften kommunistischen Gesellschaft aus beurteilt. Dieser normative Bezug prägt auch seine theoretischen Kategorien. Auch beim Geld scheint mir eine genauere Unterscheidung notwendig. Wenn Sie schreiben, Geld sei keine Ware, sondern eine soziale Konvention, werden zwei verschiedene Ebenen gegeneinandergestellt. Dass Geld eine soziale Institution ist, schließt seine gegenständliche Existenz nicht aus. Geld ist Medium und objektivierte, verdinglichte Verfügungsmacht zugleich. In Marx’ Analyse erscheint Geld als die Ware par excellence, weil es die allgemeine Wertform verkörpert und dadurch alle anderen Güter als Waren aufeinander beziehbar macht. Geld ist nicht aufgrund seines Stoffes Ware, sondern aufgrund seiner gesellschaftlichen Funktion: Es ist der Gegenstand, der in Tauschakten allgemein als Gegenleistung und Ausgleichsmittel akzeptiert wird. Auch der Kredit – nicht die Geldschöpfung! –lässt sich als Tauschbeziehung verstehen: Gegen die gegenwärtige Verfügung über Geld oder Güter wird ein Versprechen auf eine künftige Gegenleistung – bei einem Gelddarlehen auf Rückzahlung von Geld zuzüglich Zins – eingetauscht. Ebenso sollten Geld und Kredit begrifflich getrennt werden. Um zu zahlen, benötigt man Geld; Geld und Kredit sind daher nicht identisch. Man kann einen Kredit gewähren, ohne Geld zu übertragen, etwa einen Weizenkredit. Umgekehrt kann man Geld hingeben, ohne damit einen Kredit zu begründen, etwa bei einer Zahlung, einer Schenkung oder einem Kauf. Kredit begründet zunächst eine Forderungs- und Schuldbeziehung zwischen zwei Wirtschaftsteilnehmern. Eine solche Beziehung kann vorhandenes Geld lediglich übertragen, während die Kreditvergabe einer Geschäftsbank im heutigen System regelmäßig zugleich neues Einlagengeld entstehen lässt. Diese institutionelle Verbindung der Gelderzeugung Bankenkredit bedeutet jedoch nicht, dass Geld theoretisch aus Kredit abgeleitet werden kann. Vielmehr wären die Konstitution des Geldes als allgemeines gesellschaftliches Medium und die Begründung privater Kreditverhältnisse systematisch voneinander zu unterscheiden. Dass heute Geschäftsbanken den größten Teil der Umlaufsmittel erzeugen, ist eine institutionelle Ausgestaltung der heutigen, fraktionalen Geldordnung – einer Geldordnung, die ich gerade deshalb für problematisch halte –, nicht die Definition des Geldes. Besonders treffend erscheint mir Ihre Feststellung, dass sich zwar seit Ricardo die herrschenden Theorien verändert hätten, die zentralen Fragen des menschlichen Zusammenlebens die Ökonomen aber noch immer überforderten. Genau daran möchte ich anknüpfen. Vielleicht liegt der entscheidende Fehler darin, dass die Ökonomik ihren Gegenstand als bloßes Verhältnis eines Subjekts zu knappen Mitteln bestimmt. Damit erfasst sie Aspekte des Wirtschaftens, aber noch nicht die Wirtschaft als gesellschaftlichen Zusammenhang und als ein System, dessen Dynamik von innen, aus spezifischen sozialen Formen kommt. Eine realistische Wirtschaftstheorie müsste daher nicht zuerst nach Allokation, Produktion und Wachstum fragen. Sie müsste zunächst die spezifischen Operationen und Medien untersuchen, durch die Produktion, Allokation und Wachstum gesellschaftlich koordiniert werden. Dabei kann man an Tausch und Geld nicht vorbeigehen. Das Rationale der Wirtschaftsgesellschaft liegt nicht vor dem Sozialen, sondern entsteht aus sozialen Operationen und Institutionen. Ihr Buch macht eindrucksvoll sichtbar, wie weit sich die herrschende Theorie von der historischen Wirklichkeit des Kapitalismus entfernt hat. Mein Einwand lautet nicht, dass Ihre Kritik unberechtigt sei, sondern dass Sie die Neoklassik nicht wirklich ins Herz treffen und damit eine meines Erachtens verfehlte Grenzlinie zur Neoklassik ziehen. Die Neoklassik muss nicht nur wegen unrealistischer Annahmen und schon gar nicht, weil sie eine Theorie des Tausches wäre, korrigiert werden. Es muss gezeigt werden, dass sie sich, obgleich sie lediglich eine Theorie des individuellen Kalküls ist, fälschlich als Theorie der Wirtschaftsgesellschaft ausgibt. Mit freundlichen Grüßen Raimund Dietz

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