Start / Motivation

Motivation

Meine wissenschaftliche Arbeit ist von einer Frage bestimmt: Wie lässt sich die ökonomische Theorie so fundieren, dass sie Wirtschaft tatsächlich als gesellschaftlichen Zusammenhang begreift? Politisch geht es mir darum, illusionäre Vorstellungen über die moderne Gesellschaft und ihr Geld zu überwinden.

Den ganzen Text lesen

Meine wissenschaftliche Arbeit ist von einer Frage bestimmt: Wie lässt sich die ökonomische Theorie so neu fundieren, dass sie Wirtschaft tatsächlich als gesellschaftlichen Zusammenhang begreift?

Die herrschende Ökonomik ist meines Erachtens in eine Sackgasse geraten. Die Ursache liegt in ihrer Subjektzentrierung. Ihr Ausgangspunkt ist das einzelne Subjekt, das über Objekte verfügt, Zwecke setzt und die dafür geeigneten Mittel auswählt. Diese dyadische Denkform – Subjekt und Objekt, Zweck und Mittel – schien es der Ökonomik zu ermöglichen, sich dem methodischen Ideal der Naturwissenschaften anzunähern und mathematische Verfahren einzusetzen.

Meine Kritik richtet sich nicht gegen die Mathematik. Sie ist ein hervorragendes Instrument, sofern ihre Formen dem Gegenstand angemessen sind. Das Beharren auf mathematischer Darstellbarkeit hat jedoch dazu beigetragen, Wirtschaft auf dyadisch formulierbare Beziehungen zu reduzieren. Was sich auf diese Weise nicht erfassen lässt, wird ausgeblendet. Gerade das Gesellschaftliche der Wirtschaft geht dabei verloren.

Wirtschaft und Gesellschaft sind nicht dyadisch, sondern triadisch organisiert. Menschen beziehen sich nicht nur auf Dinge, sondern über Dinge aufeinander. Die elementare Struktur lautet daher nicht Mensch – Ding, sondern Mensch – Mensch – Ding. Im Tausch tritt sie unmittelbar hervor: Zwei selbständige Menschen beziehen sich über Gegenstände aufeinander, setzen Ungleiches praktisch gleich und schaffen dadurch eine soziale Beziehung. Geld verallgemeinert und stabilisiert diese Form der Vermittlung.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seine Individuierung und seine Sozialität stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern bedingen sich gegenseitig. Der Einzelne kann seine Freiheit nur in einer Gesellschaft entfalten, die sich durch den freiwilligen Verkehr der Menschen untereinander konstituiert. Umgekehrt kann eine freie Gesellschaft nur entstehen, wenn Menschen sich aus freien Stücken miteinander verbinden. Freiheit und Ordnung sind daher keine Gegensätze. Sie entstehen miteinander – und können auch miteinander verloren gehen.

In Anlehnung an Yuval Noah Harari lässt sich sagen: Der moderne Prometheus sitzt im Netzwerk. Dieses Netzwerk ist jedoch nicht bloß eine Erzählung, die sich beliebig austauschen ließe. Auch Geld ist kein bloßes Narrativ, sondern die institutionelle Verkörperung von Tauschrelationen, ohne die eine moderne Gesellschaft nicht bestehen könnte. Die ungeheuren Kräfte, die aus diesem Netzwerk hervorgehen und den Einzelnen häufig überfordern, entspringen weder einem zentralen Willen noch allein den Eigenschaften individueller Akteure. Sie entstehen aus den Beziehungen der Menschen untereinander.

Eben deshalb ist triadisches Denken notwendig. Eine subjektzentrierte Theorie abstrahiert von der gesellschaftlichen Natur des Menschen und reduziert ihn auf sein Verhältnis zu Objekten. Sie kann daher die Kräfte nicht angemessen erfassen, die aus den Beziehungen hervorgehen, durch die sich die moderne Gesellschaft konstituiert. Die Beziehung ist kein nachträglicher Zusatz zum Individuum. Sie ist konstitutiv dafür, was Menschen als soziale, freie und geistige Wesen sind.

Dyadisches Denken mag ausreichen, wenn einzelne Zweck-Mittel-Beziehungen isoliert untersucht werden. Für das Verständnis der Wirtschaft als eines gesellschaftlichen Systems genügt es nicht. Es verfehlt sowohl die Entstehung der gesellschaftlichen Produktivkräfte als auch die institutionellen Bedingungen, unter denen sich diese Kräfte entfalten. Damit kann es auch nicht angemessen erklären, wie die von der modernen Gesellschaft hervorgebrachte Dynamik politisch gestaltet und in ihren zerstörerischen Wirkungen begrenzt werden kann.

Der Übergang zur Triade verlangt daher eine Reformulierung zahlreicher ökonomischer Kategorien: Geld und Knappheit, Wert und Preis, Kapitalismus und Sozialismus sowie das Verhältnis von Staat und Wirtschaft, Freiheit und Ordnung. Die Theorie der Wirtschaft wird damit zu einer Theorie der Wirtschaftsgesellschaft.

Viele Gegensätze, die in dyadischen Denkformen unüberbrückbar erscheinen, lassen sich auf triadischer Grundlage neu bestimmen und teilweise auflösen. Das gilt auch für Antagonismen, die uns Neoklassik, Marxismus, Österreichische Schule und andere theoretische Traditionen hinterlassen haben. Zugleich wird die Ökonomik dadurch an Philosophie, Soziologie, Geschichte und andere Humanwissenschaften anschlussfähig. Umgekehrt kann sie diesen Wissenschaften einen bislang fehlenden ökonomischen Unterbau liefern: eine Erklärung dafür, wie sich selbständige Menschen durch Tausch, Geld und andere Institutionen zu einer Gesellschaft verbinden.

Politisch

Politisch geht es mir darum, illusionäre Vorstellungen über die moderne Gesellschaft und ihr Geld zu überwinden. Dyadisches Denken ist unfähig, die gesellschaftliche Bedeutung und die Macht des Geldes angemessen zu erfassen. Es nährt deshalb sowohl die Vorstellung von seiner Neutralität als auch die Hoffnung auf seine Überwindung. Die erste Vorstellung ist naiv, die zweite gefährlich. Denn wer das Geld abschaffen will, beseitigt damit nicht die gesellschaftlichen Probleme, sondern jene Vermittlungsform, durch die sich selbständige Menschen zu einer arbeitsteiligen Gesellschaft verbinden können.

Wenn ich das Geld ins Zentrum der Analyse stelle, dann nicht, weil ich das Heil der Welt in einer weiteren Finanzialisierung erblicke. Im Gegenteil: Gerade weil Geld für die moderne Gesellschaft konstitutiv ist, darf seine Ordnung nicht privaten Interessen und einer sich selbst überlassenen Dynamik ausgeliefert werden.

Ich begreife die moderne Bürgergesellschaft als eine gewordene und zugleich zu gestaltende Gestalt. Ihre besondere Form verdankt sie den freien Austauschbeziehungen selbständiger Menschen. Diese Beziehungen setzen gewaltige produktive Kräfte frei, sind aber auf eine staatliche Ordnung angewiesen, welche die Bedingungen ihrer Freiheit erhält und ihre zerstörerischen Wirkungen begrenzt.

Der Staat steht der Bürgergesellschaft daher nicht als äußerer Gegenspieler gegenüber. Er ist eine ihrer notwendigen Einrichtungen. Seine Aufgabe besteht weder darin, die selbständigen Beziehungen der Menschen durch einen zentralen Willen zu ersetzen, noch darin, sich aus ihnen zurückzuziehen. Er muss die Gestalt gestalten: die Freiheit der Bürger sichern, die Einheit und Verlässlichkeit des Geldes gewährleisten und die Kräfte bändigen, welche die moderne Gesellschaft aus sich selbst hervorbringt.

Darin verbinden sich meine wissenschaftliche und meine politische Motivation. Die moderne Gesellschaft muss aus den Beziehungen der Menschen untereinander verstanden werden, wenn sie vernünftig gestaltet werden soll. Triadisches Denken ermöglicht beides: Es macht die Entstehung ihrer Kräfte sichtbar und zeigt, an welchen institutionellen Bedingungen politische Gestaltung ansetzen muss.